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ADHS – das Problem sind die Erwachsenen, Prof. Dr. Remo Largo

Im siebten Newsletter des familylab gibt es neben Hinweisen zu neuen Büchern und Hörbüchern auch einen Bericht von Prof. Dr. Remo Largo, aus dem Magazin Frontal 21 des ZDF, über die immer häufiger gestellte Diagnose ADHS und die medikamentöse Behandlung.

Für den Schweizer Kinderarzt, Remo Largo, liegt das Problem in der Gesellschaft. Im Interview mit Frontal21 kritisiert er, dass immer mehr Kinder, die nicht den Leistungsanforderungen entsprechen, völlig zu Unrecht die Diagnose ADHS und in der Folge häufig starke Medikamente, wie Ritalin erhalten. Seine Bücher über kindliche Entwicklung gelten als Standardwerke. Dabei seien das Problem nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen. Eltern, Lehrer und Behörden stünden heutzutage enorm unter Druck und seien nicht mehr bereit, Kinder so zu nehmen, wie sie sind, so der Erziehungsexperte gegenüber Frontal21.

 

Ich glaube, »Die Kinder sind dieselben, wie sie es vor vielen Jahren waren. Jedoch sind Eltern, Schulen/Lehrer, Behörden aus verschiedenen Gründen unter Druck. Wenn das Medikament auf der Straße verkauft wird, ist es eine Droge und man wird dafür bestraft, es ist kein Vitamin. Diese Kinder sind nicht wirklich krank. Es hat etwas mit den Leistungsanforderungen zu tun die an diese Kinder gestellt werden. Diejenigen Kinder, die nicht genügen, die bekommen u. a. dann so eine Diagnose. Ich habe auch Ritalin verschrieben und habe die Erfahrung gemacht, dass einige Kinder unglaublich gut darauf ansprechen. Doch liegt die Quote jener Kinder unter einem Prozent. Die Mehrheit jedoch bekommt das Medikament aus Gründen, die ich nicht für berechtigt halte. Die meisten diagnostizierten Kinder sind nicht krank. Verschiedene Gefahren liegen in dieser Entwicklung zur Medikation der Kinder: ADHS wird definiert durch motorische Unruhe, nun ist die motorische Aktivität ein biologische Notwendigkeit, Kinder müssen sich bewegen. Wir haben die größte Freude an einem hüpfenden Fohlen auf der Weide oder einer spielenden jungen Katze, nur bei den Kindern wollen wir das nicht.

 

Nun ist es so, bei den Kindern zwischen 6 und 12 Jahren besteht ein dreifacher Unterschied zwischen den Kindern, die sich viel bewegen und denen die sich wenig bewegen: Die einen, die sich viel bewegen, die können nicht ruhig sitzen (und da können sie nichts dafür) diese Aktivität wäre sinnvoll, doch jetzt wollen wir sie unterdrücken. Das zweite Element ist ja die Aufmerksamkeitsstörung. Da würde ich meinen, bei den allermeisten Kindern ist das keine Schwäche allgemeiner Art (dass sie keine Aufmerksamkeit haben in keiner Situation) sondern sie haben Aufmerksamkeit, in bestimmten Bereichen und sehr oft ist es dann so, dass dahinter eine Teilleistungsstörung steckt: z .B. das Kind ist schwach im Lesen und was jetzt von ihm gefordert wird, kann es nicht leisten. Dann wird es unruhig, wendet sich ab, und dann sagt man, das Kind ist nicht aufmerksam. Das Dritte ist die Impulsivität, wenn Kinder emotionale Ausbrüche haben, wenn sie vor einer Situationen stehen, die sie nicht bewältigen können.

 

Ich glaube, das Einzige was die Medikation bringt ist, dass die Eltern, Lehrer und Erwachsenen sagen können: Wir haben etwas gemacht. Ich warte immer noch auf die Studie, die belegt, dass diese Kinder dadurch besser lernen könnten oder klüger würden. Es kann sein, dass sie die Prüfungen etwas besser erledigen, aber dass sich das wirklich positiv auswirkt auf ihr Lernvermögen, das würde ich sehr bezweifeln. Die Erwartungen die Eltern an heutige Kinder haben, sind viel höher als früher, wir haben heute 80 % Wunschkinder (1-2 Kinder). Jetzt haben wir also ein Kind, jetzt muss dieses Kind ein Erfolg sein! (Etwas böse gesagt). Der Druck auf diese einzelnen Kinder nimmt enorm zu. Was man einfach nicht wahr haben will, das ist die Vielfalt unter den Kindern. Ich würde mir mehr Demut wünschen, von allen, von der ganzen Gesellschaft, den Kindern gegenüber, in dem Sinn, dass die Kinder nicht auf die Welt kommen, um unsere Erwartungen zu erfüllen, sondern, dass sie zu dem werden, was sie sind, was in ihnen angelegt ist.«

(Zitat Ende)

 

Frontal21 Text: Was als psychische Störung gilt, bestimmt der Diagnosekatalog DSM-5, dessen neueste Ausgabe gerade in den USA erschienen ist. Psychiater Allen Frances, der viele Jahre an diesen Diagnosekatalogen mitgewirkt hat, ist inzwischen ein scharfer Kritiker. Denn im Gegensatz zu den früheren

 

Katalogen können jetzt unter anderem auch schon extreme und keinem Anlass entsprechende Wutausbrüche bei Kindern ab sechs Jahren als eigenständige psychische Störung diagnostiziert werden. Die Folge: Immer mehr Kinder würden als psychisch krank abgestempelt und bekämen starke Psychopharmaka, ohne dass es nötig wäre.