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Keine Zigis an der Schule: Die Schweiz und Berlin im Vergleich

Zweimal, sagt Raphael Birrer, 15, ist er beim Rauchen auf dem Schulhausareal erwischt worden. Er musste antraben, Mittwochnachmittag, einen Aufsatz schreiben zur Strafe. Als er dann nach Hause durfte, stand da schon die Mutter mit dem Brief in der Hand, Sehr geehrte …, wir haben Ihren Sohn Raphael beim Rauchen erwischt, oder so Ähnliches stand darin, schreibt die Neue Luzerner Zeitung in ihrer Sonntagsausgabe (2.10.2005). Raphi zuckt mit den Schultern, schnaubt: «Nicht mal auf dem Schulweg darf ich eine rauchen. Das finde ich voll daneben.» Klassenkumpel Kevin, 15, ebenfalls Raucher, fügt an: «Ein Mist ist das.»

Raphael Birrer und Kevin Tscholl besuchen die 2. Sek im Luzerner Oberstufenzentrum Utenberg, hier, wo Schulleiter Richard Holenstein das Sagen hat. Seitdem der 56-Jährige das Zepter in den Händen hält, weht den jungen Rauchern ein rauer Wind entgegen. Weder auf dem Areal des Schulhauses, noch auf dem Schulweg dürfen die knapp 350 Schülerinnen und Schüler zur Zigarette greifen. Der Schulleiter, der vor und nach dem Unterricht schon mal auf seinem Roller Kontrollrunden ums Areal dreht, rechtfertigt das restriktive Vorgehen: «Die Situation hat sich massiv verbessert. Der Anteil der Raucher nimmt ab».

Nicht nur im Utenberg, sondern an den meisten der insgesamt 240 Schulen im Kanton Luzern wird das Rauchen auf dem Areal verboten. Ernst Portmann, Rektor der Volksschulen Luzern, ist sich allerdings bewusst: «Das Verbot alleine hält die Jugendlichen nicht von den Zigaretten ab. Wichtig ist, dass auf deren Schädlichkeit aufmerksam gemacht wird.»

Erwachsene dürfen

Etwas anders zeigt sich die Situation an den Kantons- und Berufsschulen. Haben die Jugendlichen die obligatorische Schulzeit absolviert und sind sie älter als 16 Jahre, dürfen sie auf dem Schulhausareal rauchen. Auch wenn dies Pia Vogler, Medienbeauftragte des Berufsbildungszentrums Sursee, nicht gerne sieht. Vogler weiss allerdings, dass sich der Konsum einer Zigarette bei erwachsenen Studenten kaum verbieten lässt, zumal sich zu den rauchenden Jugendlichen dann und wann auch Lehrpersonen gesellen. Vogler: «Die Stimmung ist angespannt. Die einen kämpfen für eine rauchfreie Schule, andere wiederum wollen sich ihre Sucht nicht verbieten lassen.»

Voglers Wunsch nach einem rauchfreien Areal wird in naher Zukunft nicht nachgekommen. Im neuen Gesetz, das per 1. Januar in Kraft treten soll, ist nur die Rede davon, dass in kantonalen Gebäuden – also auch an Kantons- und Berufsschulen – nicht in den Innenräumen geraucht werden dürfe.

Berlin ist restriktiver

Trotz der Verbote geht man in der Schweiz mit rauchenden Schülern vergleichsweise milde ins Gericht. In den USA, Irland und Italien gilt ein striktes Rauchverbot nicht nur in Bars und Diskotheken, sondern auch an Schulen. Und auch in Deutschland dürfen seit Anfang Jahr an Schulen in Berlin und Hamburg nicht mehr geraucht werden, auch die Bundesländer Bayern und Hessen haben ein entsprechendes Verbot umgesetzt. So weit, glaubt Werner Schüpbach, wird es in Luzern nicht kommen: «Bestrebungen hin zu einem generellen Rauchverbot auf Schulhöfen sind mir nicht bekannt.»

Wie dem auch sei: Die Tabakprävention etwa in den USA scheint zu greifen. In der Schweiz rauchen die 16-Jährigen (38 Prozent) deutlich mehr als ihre Altersgenossen in den USA (22 Prozent). Dies trotz rückläufiger Raucherzahlen unter Schweizer Teenagern, wie die «Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention» durch eine Schülerumfrage herausgefunden hat.

80 000 verzichten

Die «Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention» setzt seit Jahren auf Freiwilligkeit denn auf Verbote. Bereits zum sechsten Mal lanciert die Stelle das «Experiment Nichtrauchen» (vgl. Kasten). Schulklassen, die während sechs Monaten rauchfrei bleiben, werden mit Preisen belohnt. Im vergangenen Jahr beteiligten sich schweizweit 4100 Klassen, also rund 80 000 Schüler am Wettbewerb. «Je früher die Jugendlichen mit dem Rauchen beginnen, desto schneller werden sie abhängig und umso schwieriger wird es, sie von ihrer Sucht abzubringen», sagt Karin Erb. «Mit dem Wettbewerb wollen wir in erster Linie erreichen, dass die Jugendlichen gar nicht erst mit dem Rauchen beginnen.»

Schulleiter Holenstein

Auch am Utenberg beteiligen sich einige Klassen an dem Wettbewerb. Etwa die 1. Sek-Klasse von Kim-Vanessa, Cyntia, Sara, Nivetha und Albesa. Die 12- bis 13-jährigen Schülerinnen hoffen fest darauf, eine Klassenreise zu gewinnen. Rauchen, sagt nämlich Nivetha, sei sowieso «uncool». Die andern nicken zustimmend.

Da sind Raphael und Kumpel Kevin anderer Meinung. Gerne würden sie auch in der 10-Uhr-Pause genüsslich an ihrem Glimmstängel ziehen. Doch sie lassens lieber sein. Ein drittes Mal, sagt Raphi, will er dann doch nicht erwischt werden. Denn die Gefahr, dass er in flagranti ertappt würde, sei halt doch zu gross. Schulleiter Holenstein lauert nämlich überall.

NICHTRAUCHER

Bereits zum sechsten Mal wird vom 7. November 2005 bis
7. Mai 2006 das «Experiment Nichtrauchen» durchgeführt. Teilnehmen können Schulklassen des 6. bis 9. Schuljahres aus der ganzen Schweiz.

Teilnehmende Klassen verpflichten sich, mindestens während dieser sechs Monate rauchfrei zu sein. Wer das durchsteht, dem winken Preise in Form von Reisegutscheinen.

Anmeldungen für das «Experiment Nichtrauchen» bis 23. Oktober an folgende Adresse schicken: Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention, Effingerstrasse 40, 3001 Bern.